Der Feldzug gegen Europas Schlüsselindustrien

Nächster Akt: Nutzfahrzeuge

Man ist ja eigentlich schon gewöhnt, dass politische Weichenstellungen in der Regel nichts mit wirtschaftlichen oder technologischen Realitäten zu tun haben. Dass dies so ist, mussten und müssen sich heutzutage auch viele Industrievertreter zurechnen lassen. 

Bestes Beispiel dafür die europäische Automobilindustrie. Obwohl diese über eine grosse Lobby-Fraktion verfügt, liessen es die Automanager in den vergangenen Jahrzehnten zu, dass in Brüssel immer schärfere Abgasnormen beschlossen worden. Mit dem Ergebnis, dass am Ende nur noch durch Betrug diese Normen eingehalten werden konnten, Stichwort Dieselgate. Doch statt daraus zu lernen, liegt nun die Blaupause für die nächste industrielle Katastrophe auf dem Tisch.


Was die EU fordert

Wie bereits berichtet, haben in der vergangenen Woche die politischen Vertreter im europäischen Parlament neue Emissionsvorschriften für Nutzfahrzeuge beschlossen. Ursprünglich hatte die EU-Kommission hier vorgeschlagen den Herstellern aufzuerlegen, den CO2-Ausstoss bei neuen Fahrzeugen bis 2025 um 15 % und bis 2030 um 30 % zu verringern. Die EU-Parlamentarier legten allerdings noch eins drauf und fordern nun bis 2025 eine Reduktion um 20 % und bis 2030 eine Emissionsreduktion um 35 %.

Es ist klar, dass am Ende die EU-Umweltminister kaum stärker von diesen Vorgaben abrücken werden. Was auch daran liegt, dass in den meisten EU-Mitgliedsstaaten keine nennenswerte Produktion von Nutzfahrzeugen angesiedelt ist. Zwar gibt es europaweit ein breites Netz von Zulieferern und Unternehmen, die individuelle Anpassungen der Grundmodelle von LKWs, Bussen und anderen Nutzfahrzeugen vornehmen. Doch diese bleiben vorerst aussen vor.

Denn die Hauptlast, und das gilt auch insbesondere für angedrohte drakonische Strafen, sollen die grossen Nutzfahrzeughersteller tragen. Damit dürfte sich deren Wettbewerbssituation auch im internationalen Vergleich deutlich verschlechtern. Und das zu einer Zeit, wo die meisten Automobilkonzerne, die entsprechende Nutzfahrzeug-Sparten haben, bereits durch die Dieselgate-Affäre genug zu tun haben. Wir wollen dem geschätzten Leser an dieser Stelle einen kurzen Überblick über die Branche geben, um abzuschätzen, welche Grössenordnungen hier von der EU ins Risiko gebracht werden.

Ein Marktüberblick

In der Europäischen Union arbeiten rund 13,3 Millionen Menschen in der Automobilindustrie. Das sind rund 6,1 % aller Beschäftigten in der EU. Bezogen auf den produzierenden Bereich geht es hier um 3,4 Millionen Jobs, ein Anteil von über 11 % im produzierenden Gewerbe. Auch andere Indikatoren zeigen wie gross und wichtig der Automobilsektor ist. So erwirtschaftet dieser Sektor jährlich über 90 Milliarden Euro an Handelsüberschuss. In der EU 15 steuert der Automobilsektor insgesamt rund 413 Milliarden Euro an Steuern zu den öffentlichen Haushalten bei.

Speziell der Nutzfahrzeug-Bereich ist extrem wichtig für das Funktionieren moderner Wirtschaften. Rund 85 % aller Güter werden im Umkreis von 150 km und weniger transportiert. Lkw sind hierbei in der Regel das Transportmittel Nummer 1. Aber auch für das generelle Funktionieren von öffentlichen Einrichtungen sind Nutzfahrzeuge nicht verzichtbar. Zu denken wäre hier allein schon an Müllabfuhr, Baumaschinen oder Feuerwehren.

Dabei haben europäische Hersteller immer noch eine starke Wettbewerbsposition auch international, die sich auch insbesondere aus den vorhandenen Technologien speist. So werden rund 50 % aller Trucks in den USA in Fabriken gebaut, die europäischen Herstellern gehören, mit europäischen Technologien. Dennoch wurde es in den letzten Jahren immer schwerer im Weltmarkt die vorhandene Positionierung zu verteidigen. Denn insbesondere die Chinesen machen mächtig Druck.

In der Weltrangliste nach verkauften Fahrzeugen ist zwar immer noch Daimler mit seiner Nutzfahrzeugsparte Branchenprimus. Doch schon der zweitplatzierte FAW kommt aus dem Reich der Mitte. Insgesamt finden sich unter den Top Ten inzwischen fünf chinesische Nutzfahrzeughersteller. Neben Daimler schafft es nur der Volkswagen-Konzern mit seinen Marken Scania und MAN in die Spitzengruppe. Als dritter Europäer gehört Volvo Trucks zur internationalen Elite, dessen wichtigster Grossaktionär allerdings ebenfalls ein Chinese ist (Geely).

Lesen Sie morgen: Die einzelnen europäischen Hersteller im Porträt